In dem vorliegenden Buch wird für alle vorgestellten Persönlichkeiten gefragt, wie sie wohl mit dem Dieselskandal umgegangen wären.
Mein Kapitel befasst sich mit Mary Parker Follet. Mary Parker Follett war eine bahnbrechende Denkerin im Management, die bereits 1924 betonte, dass wahre Führung darin besteht, Anführer zu schaffen. Ihre Theorien über Macht, Führung und Konfliktlösung sind auch heute noch relevant für die Managementpraxis. Trotz anfänglicher Ablehnung aufgrund ihres Geschlechts wurde sie zu einer gefragten Beraterin und Dozentin in den USA und England.
Mary Parker Follett hätte wahrscheinlich den VW-Dieselskandal als ein Versäumnis in der Konfliktlösung betrachtet. Anstatt sich mit den Konflikten zwischen Umweltauflagen und technischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, wählte VW den Weg des Betrugs, um beiden Parteien scheinbar entgegenzukommen. Follett hätte betont, dass es immer eine dritte Lösung gibt, die beide Seiten zufriedenstellen kann, wenn man gemeinsam daran arbeitet. Sie hätte auch die Machtstrukturen innerhalb des Unternehmens kritisiert, die kreative und legale Lösungen behinderten. Leider fiel ihr Beratungszeitraum nicht in die Ära von VW, aber sie hätte wahrscheinlich den Skandal verhindern können.
Als ich gefragt wurde, ob ich für die Klassiker-Rubrik der ZOE einen Beitrag schreiben wolle, war ich erst skeptisch. Das Thema: Mary Parker Follett. Mein erster Gedanke? Klingt trocken. Eine "Klassikerin" der Managementtheorie, geboren im 19. Jahrhundert – da erwartet man nicht gerade bahnbrechende Impulse für die heutige Welt.Aber dann habe ich angefangen zu lesen. Und konnte nicht mehr aufhören.Diese Frau war ihrer Zeit meilenweit voraus. Sie schrieb über Führung ohne Machtgehabe, über geteilte Verantwortung, über partizipative Entscheidungsprozesse – Jahrzehnte bevor Begriffe wie Agilität oder New Work überhaupt existierten. Sie dachte in Netzwerken, nicht in Hierarchien. Sie war Beraterin für mehrere US-Präsidenten. Und sie sprach über Zusammenarbeit und Ko-Kreation in einer Sprache, die heute noch moderner wirkt als vieles, was in aktuellen Business-Büchern steht.Kurz: Ich wurde vom Skeptiker zum raving fan.Offenbar kam mein Artikel gut an. Denn wenig später fragte mich die ZOE, ob ich Teil eines neuen Buchprojekts sein wolle. Es ging darum, wie die von uns porträtierten Klassiker wohl auf den Dieselskandal reagiert hätten. Für mich war sofort klar: Wenn irgendjemand dazu eine kluge, ganzheitliche Perspektive gehabt hätte – dann Mary Parker Follett.Also habe ich mich gefragt: Was würde sie heute sagen? Über Verantwortung. Über Führung. Über das Zusammenspiel von Individuum und System. Und genau das habe ich in meinem Beitrag aufgeschrieben.
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